Der Fall Casio: Konsequenzen für den Fachhandel im Markenvertrieb

#gemeinsamstaerker Casio Fall neu

Zwischen Casio und SNIPES besteht eine selektive Retail Partnerschaft, bei der ausgewählte Casio Modelle direkt in SNIPES Filialen präsentiert und verkauft werden. © Casio/ Snipes

Veränderte Vertriebsstrategien großer Uhrenmarken stellen den stationären Fachhandel vor neue Herausforderungen. Während sich Luxusmarken wie Rolex aus dem Multibrandhandel zurückziehen, suchen andere Hersteller zusätzliche Reichweiten außerhalb des klassischen Fachgeschäfts. Die Kooperation von Casio mit dem Sneakerhändler SNIPES verdeutlicht, dass unterschiedliche Wege zu ähnlichen Konsequenzen für Juweliere führen. Blickpunkt·Juwelier ordnet ein, warum diese Entwicklungen den Fachhandel direkt betreffen.



Lange galt der stationäre Fachhandel als stabiler Fixpunkt in den Vertriebsstrategien der Uhren- und Schmuckbranche. Marken und Juweliere waren über Jahre in klaren Rollen verbunden. Der Handel sorgte für Präsenz, Beratung und regionale Verankerung, die Marken für Ware, Image und Nachfrage. Dieses Gleichgewicht gerät zunehmend ins Wanken. Hersteller treffen heute Entscheidungen, die nicht mehr vom klassischen Fachhandelsmodell ausgehen, sondern von Reichweite, Kontrolle und direktem Kundenzugang. Das zeigt sich sowohl im Rückzug einzelner Luxusmarken aus dem Multibrandhandel als auch in der Öffnung neuer Vertriebskanäle jenseits des Fachgeschäfts. Für Juweliere entsteht daraus eine neue Realität. Markenbindung ist keine verlässliche Konstante mehr, sondern Ergebnis strategischer Prioritäten der Hersteller. Aus Sicht von Blickpunkt·Juwelier greift eine isolierte Betrachtung dieser Entwicklungen zu kurz. Erst im Zusammenspiel wird deutlich, wie sich die Rolle des Fachhandels im Markt grundlegend verändert.

Casio bei SNIPES: Reichweite schlägt Fachlogik

Mit der Platzierung ausgewählter Uhrenmodelle bei SNIPES beschreitet Casio bewusst einen Vertriebsweg, der sich klar außerhalb der klassischen Fachhandelslogik bewegt. Der Verkauf erfolgt nicht im Umfeld von Beratung, Sortimentstiefe und uhrmacherischer Kompetenz, sondern in einem Lifestyle-Kontext, der auf Mode, Frequenz und Community ausgerichtet ist. Für Casio steht dabei weniger der Abverkauf im Vordergrund als die Präsenz in einer jungen, urbanen Zielgruppe, die über den traditionellen Uhrenfachhandel nur eingeschränkt erreichbar ist. Für Juweliere ist dieser Schritt dennoch kritisch zu bewerten. Wenn Uhren im Sneaker-Store angeboten werden, verändert sich die Wahrnehmung des Produkts. Die Uhr wird zum Accessoire, nicht zum Fachprodukt. Preislogik, Wertigkeit und Beratung treten in den Hintergrund. Blickpunkt·Juwelier hält dennoch fest: Auch wenn Casio den Fachhandel nicht aktiv ersetzt oder ausschließt, schwächt dieser Schritt die Rolle des Juweliers als primären Ort für den Uhrenkauf und trägt dazu bei, die Grenzen zwischen Fachhandel und branchenfremdem Vertrieb weiter aufzulösen.

Marc_Czemper_Sven_Voth_Casio_Sniper_Konzept_Store
CommunitY RETAIL. Marc Czemper, Watch Division Manager bei CASIO, und Sven Voth, Founder und CEO von Snipes, haben im September in Berlin einen neuen Store eröffnet. Das Konzept setzt auf Frequenz, Lifestyle und Community und verlagert den Uhrenverkauf in ein branchenfernes Handelsumfeld. © LinkedIn

Rolex: Rückzug aus dem Multibrandhandel

Der schrittweise Rückzug von Rolex aus dem Multibrandhandel markiert einen tiefgreifenden Einschnitt für den stationären Fachhandel. Über Jahrzehnte galten Rolex-Konzessionen als stabile Grundlage für Frequenz, Umsatz und Investitionssicherheit. Dieses Modell verliert zunehmend an Verlässlichkeit. Verkaufsadressen werden reduziert, bestehende Partnerschaften beendet, der Vertrieb stärker auf markeneigene oder konzernnahe Boutiquen konzentriert. Für viele Juweliere bedeutet das nicht nur den Verlust einer umsatzstarken Marke, sondern auch eine strukturelle Entwertung getätigter Investitionen in Ladenbau, Personal und Markenauftritt. Kunden, die über Jahre an das Fachgeschäft gebunden waren, werden in neue Vertriebskanäle gelenkt, ohne dass der Handel darauf Einfluss nehmen kann. So sieht es Blickpunkt·Juwelier: Der Rückzug ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Strategie, die auf Kontrolle, Verknappung und direkte Steuerung der Kundenbeziehung abzielt. Für den Multibrandhandel verändert sich damit die wirtschaftliche Ausgangslage grundlegend.

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Casio und Snipes im Überblick

Kooperation. Zwischen Casio und SNIPES besteht eine selektive Retail Partnerschaft, bei der ausgewählte Casio Modelle direkt in SNIPES Filialen präsentiert und verkauft werden. Ziel ist die Ansprache einer jungen urbanen Zielgruppe in einem Lifestyle Umfeld mit hoher Frequenz. Der Fokus liegt auf Markenpräsenz und Community Nähe, nicht auf Sortimentsbreite oder Beratungstiefe. Der Verkauf erfolgt außerhalb des klassischen Uhrenfachhandels und positioniert die Uhr bewusst als modisches Accessoire im Streetwear Kontext.

Zwei Strategien, ein Effekt

Auf den ersten Blick könnten die Entwicklungen rund um Casio und Rolex unterschiedlicher kaum sein. Hier die Öffnung in Richtung Lifestyle- und Non-Fachhandel, dort der konsequente Rückzug aus dem Multibrandhandel zugunsten eigener Strukturen. Die strategischen Ansätze unterscheiden sich deutlich, die Auswirkungen für den stationären Fachhandel jedoch nicht. In beiden Fällen verliert der Juwelier an Relevanz als zentraler Vertriebspartner. Entweder wird das Produkt außerhalb der Fachlogik platziert oder dem Fachhandel entzogen. Gemeinsam ist beiden Strategien, dass Marken ihre Abhängigkeit vom klassischen Handel reduzieren und Kontrolle über Ware, Präsentation und Kundenbeziehung stärken. Für Juweliere entsteht daraus ein strukturelles Problem. Die Verlässlichkeit von Markenpartnerschaften nimmt ab, während die eigene Einflussmöglichkeit auf Sortiment und Frequenz sinkt. Der Blickpunkt·Juwelier hält dennoch fest: Entscheidend ist nicht, welche Strategie eine Marke wählt, sondern dass der Fachhandel in beiden Fällen mit denselben Konsequenzen konfrontiert wird.

Snipes Casio Kooperation
Branchenferner Vertrieb. Am Außenauftritt des SNIPES Stores ist der Uhrenverkauf nicht erkennbar. Weder Marke noch Produktkategorie werden sichtbar kommuniziert. Für den Fachhandel zeigt sich damit, wie Uhren in branchenfremden Konzepten an Präsenz und Einordnung verlieren. © Shutterstock

Warum diese Entwicklung Juweliere direkt betrifft

Unabhängig davon, ob Marken neue Vertriebskanäle erschließen oder bestehende Partnerschaften reduzieren, treffen die Folgen den stationären Fachhandel unmittelbar. Juweliere verlieren nicht nur Marken oder Absatzmöglichkeiten, sondern zunehmend auch Einfluss auf Wahrnehmung, Einordnung und Wertigkeit der Produkte. Wenn Uhren außerhalb des Fachhandels verkauft oder Kunden gezielt in markeneigene Strukturen gelenkt werden, verschiebt sich die Rolle des Juweliers vom zentralen Ansprechpartner zum nachgeordneten Vertriebspunkt. Investitionen in Personal, Beratung und Ladenbau stehen damit unter zunehmendem Rechtfertigungsdruck. Gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck durch Anbieter, die ohne vergleichbare Kostenstrukturen agieren. Der Blickpunkt·Juwelier hält dennoch fest: Diese Entwicklung zwingt Juweliere dazu, ihr Geschäftsmodell neu zu bewerten. Wer sich weiterhin primär über Marken definiert, bleibt abhängig von Entscheidungen, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs getroffen werden. Die strategische Relevanz des Fachhandels lässt sich langfristig nur sichern, wenn Profil, Kompetenz und eigenständige Positionierung stärker in den Mittelpunkt rücken.

Neupositionierung des Fachhandels

Die aktuellen Entwicklungen machen deutlich, dass sich der Fachhandel nicht länger über die Präsenz einzelner Marken definieren kann. Wer seine Relevanz ausschließlich aus Konzessionen ableitet, bleibt abhängig vom Hersteller. Gefragt ist eine stärkere Eigenständigkeit in der Positionierung. Beratungstiefe, nachvollziehbare Sortimentslogik und eine klare Haltung gewinnen an Bedeutung. Der Fachhandel muss wieder selbst zum Orientierungspunkt werden, unabhängig davon, wo und wie Marken ihre Produkte vertreiben. Blickpunkt·Juwelier ist der Meinung: Zukunftsfähig sind nur jene Juweliere, die ihre Kompetenz sichtbar machen und ihr Geschäftsmodell konsequent auf eigene Stärken ausrichten.        

Neue Initiative für die Zukunft des Fachhandels

Jetzt ist der Zeitpunkt, sich zu informieren, die bestehenden Werkzeuge zu nutzen und den Fachhandel im Rahmen der von Blickpunkt·Juwelier aufgerufenen Initiative #gemeinsamstaerker aktiv mitzugestalten. Alle Informationen finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Blickpunkt·Juwelier und online.

#gemeinsamstaerker Fall Casio Snipes

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