CHRONEXT ist in Konkurs – was sind die Hintergründe?

CHRONEXT galt lange als einer der offensivsten Online-Angreifer im Luxusuhrenhandel. © Chronext

Jahrelang galt CHRONEXT als einer der aggressivsten Herausforderer im digitalen Handel mit Luxusuhren. Investoren finanzierten das Wachstum, ein Börsengang sollte den nächsten Schritt bringen und selbst traditionelle Uhrenmarken ließen sich auf das neue Vertriebsmodell ein. Jetzt ist der vorläufige Schlusspunkt gesetzt: Über die CHRONEXT AG wurde Konkurs eröffnet. Doch warum funktioniert das Geschäft mit Luxusuhren im Netz bei Chrono24 – und bei CHRONEXT offenbar nicht?



Der finale Einschnitt kam am 19. August 2026. Ein Einzelrichter des Kantonsgerichts Zug eröffnete über die CHRONEXT AG den Konkurs. Auch die CHRONEXT Group AG ging am selben Tag in Liquidation. Das 2013 gegründete Unternehmen hatte zeitweise 14 Standorte in Europa und Hongkong und setzte mit neuen sowie gebrauchten Luxusuhren dreistellige Millionenbeträge um.

Damit endet vorerst eine der aufsehenerregendsten Wachstumsgeschichten des europäischen Luxusuhren-E-Commerce.

CHRONEXT HAT DEN UHRENHANDEL PROVOZIERT

CHRONEXT hat die Kommunikation rund um den digitalen Luxusuhrenhandel früh auf ein neues Niveau gehoben: hochwertiger Auftritt, massive Online-Präsenz, professioneller Content, eigene Uhrmacher, Authentifizierung und Certified Pre-Owned.

Das Ziel ging dabei über den klassischen Graumarkt hinaus. CHRONEXT wollte Teil des offiziellen Vertriebs werden und auch Neuuhren als autorisierter Partner verkaufen.

Wie kontrovers diese Strategie war, zeigte 2018 der Fall Nomos. Die Glashütter Marke erkannte CHRONEXT und Chrono24 als offizielle Partner an. Wempe reagierte darauf mit der Beendigung seiner rund 20 Jahre bestehenden Geschäftsbeziehung zu Nomos. Der Streit wurde zum Symbol für die Frage, wie weit Luxusuhrenmarken beim Online-Vertrieb gehen können, ohne ihre stationären Partner zu verärgern.

CHRONEXT ist im Konkurs – das Geschäftsmodell mit Eigenbestand geriet zunehmend unter Druck. © Chronext

DER ENTSCHEIDENDE UNTERSCHIED ZU CHRONO24

Dass hochwertige Uhren online verkauft werden können, steht heute kaum noch infrage. Chrono24 zeigt, wie groß dieser Markt geworden ist.

2025 erklärte das Unternehmen, 2024 klar profitabel gewesen zu sein. Rund 540.000 Uhren waren auf der Plattform gelistet, ihr geschätzter Gesamtwert lag bei mehr als sechs Milliarden Euro. Monatlich erreichte Chrono24 mehr als neun Millionen Unique User.

Doch Chrono24 und CHRONEXT verfolgten unterschiedliche Modelle.

Chrono24 ist in erster Linie Marktplatz: Händler und private Verkäufer bieten ihre Uhren an, Chrono24 stellt Infrastruktur, Reichweite und Dienstleistungen zur Verfügung. Das Unternehmen muss daher nicht für die angebotenen Uhren selbst Kapital binden.

CHRONEXT setzte dagegen auf ein hybrides Modell. Neben Uhren von Drittanbietern hielt das Unternehmen einen Teil der Ware selbst im Bestand. Dieses sogenannte 1P/3P-Modell wurde bereits in den Unterlagen zum geplanten Börsengang hervorgehoben. Beim 1P-Geschäft kaufte CHRONEXT Uhren auf eigene Rechnung ein und hielt sie bis zum Verkauf auf Lager.

Das bot Kontrolle über Ware, Verfügbarkeit und Marge – erhöhte aber zugleich Kapitalbedarf und Bestandsrisiko.

DER BÖRSENGANG, DER NICHT KAM

2021 wollte CHRONEXT an die Schweizer Börse SIX und neues Kapital für weiteres Wachstum aufnehmen. Der Börsengang wurde im Oktober jedoch kurzfristig abgesagt beziehungsweise verschoben. Als Grund nannte das Unternehmen ungünstige Marktbedingungen für Wachstumsunternehmen.

Für CHRONEXT kam diese Entwicklung zu einem schwierigen Zeitpunkt. Der Markt für gefragte Luxusuhren hatte während der Pandemie enorme Preissteigerungen erlebt. 2022 gerieten die Preise am Sekundärmarkt unter Druck, während Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit zunahmen.

Für einen Händler mit eigenen Warenbeständen ist das deutlich problematischer als für einen reinen Vermittlungsmarktplatz.

Im Sommer 2022 reagierte CHRONEXT mit einem deutlichen Einschnitt: Rund 40 von 150 Mitarbeitern mussten das Unternehmen verlassen. Als Gründe wurden Marktturbulenzen, Inflation und ein zurückhaltenderer Konsum genannt.

NEUE INVESTOREN, NEUER CEO, NEUER VERSUCH

Im April 2023 übernahm eine Schweizer Investorengruppe die Mehrheit an CHRONEXT. Gründer Philipp Man zog sich aus der operativen Führung zurück.

Mit Philippe Roten kam ein Manager aus der traditionellen Uhrenindustrie. Er hatte unter anderem bei der Swatch Group, im Umfeld von LVMH sowie bei Hublot und TAG Heuer gearbeitet. Seine Aufgabe war es, CHRONEXT stärker in der etablierten Uhrenbranche zu positionieren und das Geschäftsmodell neu auszurichten.

Doch auch diese Phase dauerte nicht lange. Nach rund zehn Monaten verließ Roten das Unternehmen bereits Ende 2023 wieder. Blickpunkt·Juwelier berichtete im März 2024 über den erneuten Führungswechsel.

Auch das zeigte, wie schwierig die Neuorientierung geworden war.

DAS PROBLEM WAR NICHT DAS INTERNET

Der Konkurs von CHRONEXT ist kein Beweis dafür, dass Luxusuhren online nicht funktionieren.

Das Gegenteil ist der Fall. Chrono24 zeigt, dass der digitale Handel mit hochwertigen Uhren weltweit eine enorme Nachfrage erzeugen kann. Der entscheidende Unterschied liegt in der Struktur des Geschäfts.

Ein Marktplatz kann wachsen, ohne jede Uhr selbst finanzieren zu müssen. Ein Händler mit Eigenbestand muss dagegen Ware einkaufen, Kapital binden, Preise kalkulieren und bei fallenden Marktpreisen größere Risiken tragen. Hinzu kommen Werkstätten, Personal, Lounges, Logistik und weitere Fixkosten.

CHRONEXT beschäftigte 2023 noch rund 100 Mitarbeiter und betrieb ein 350 Quadratmeter großes Servicezentrum zur Qualitäts- und Echtheitsprüfung. Rund 7.000 Modelle wurden damals angeboten.

Das sorgt für Qualität – kostet aber auch Geld.

Der Konkurs von CHRONEXT ist kein Beweis dafür, dass Luxusuhren online nicht funktionieren. © Wirestock Creators/Shutterstock.com

WAS VOM ONLINE-ANGREIFER BLEIBT

Die genauen wirtschaftlichen Ursachen des Konkurses werden sich erst mit weiteren Informationen aus dem Verfahren vollständig beurteilen lassen. Zu einfach wäre es daher, CHRONEXTs Ende auf einen einzelnen Fehler zurückzuführen.

Die Entwicklung zeigt jedoch eine Kombination aus hohem Kapitalbedarf, einem volatilen Sekundärmarkt, dem gescheiterten Börsengang, Personalabbau, Eigentümer- und Führungswechseln sowie der schwierigen Suche nach einem langfristig profitablen Geschäftsmodell.

Und trotzdem bleibt etwas.

CHRONEXT hat die Uhrenbranche herausgefordert. Das Unternehmen zeigte, wie professionell Luxusuhren digital präsentiert, erklärt und vermarktet werden können. Es prägte die Kommunikation rund um CPO und zwang den etablierten Handel, sich intensiver mit der digitalen Customer Journey auseinanderzusetzen.

Für den Fachhandel steckt darin eine wichtige Erkenntnis: Nicht das Internet war das Problem von CHRONEXT. Entscheidend ist, welches Geschäftsmodell hinter der digitalen Reichweite steht – und ob sich Wachstum am Ende profitabel finanzieren lässt.

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