Braucht die Swatch Group wirklich keine Testimonials? (Teil 5)

Swatch Group Präsident Nick Hayek setzt im OMR-Podcast auf Produkt, Story und Markenidentität statt auf Promis.© WIkimedia Commons, KI-generiert

Nick Hayek stellt im OMR-Podcast die Kraft von Produkt, Geschichte und eigener Markenidentität über die Wirkung prominenter Gesichter. Ein faszinierender Ansatz, der jedoch nur einen Teil der Realität zeigt. Denn ausgerechnet die Markenwelt der Swatch Group liefert zahlreiche Gegenbeispiele. Omega wurde über Jahrzehnte von Cindy Crawford, Nicole Kidman und James Bond begleitet. Longines setzt heute auf Jennifer Lawrence, Kate Winslet und Henry Cavill. Und auch außerhalb der Gruppe zeigt sich: Selbst die stärksten Uhrenmarken verzichten nicht auf prominente Botschafter.



Im OMR-Podcast mit Philipp Westermeyer präsentiert sich Nick Hayek so, wie man ihn kennt: unabhängig, unbequem und überzeugt davon, dass ein starkes Produkt keine künstliche Aufladung benötigt. Selbst prominente Kunden bekommen bei Swatch keine Uhr geschenkt, sondern sollen in den Store gehen und kaufen. OMR hebt diesen „Knallhart-Kurs bei Promi-Geschenken“ sogar ausdrücklich in der Beschreibung der Folge hervor.

Bei der Royal Pop scheint die Strategie Hayek recht zu geben. Das Produkt erzeugte enorme Aufmerksamkeit, ohne dass der Launch über klassische Promi-Geschenke angeschoben werden musste. Hayek spricht von einem „planetaren Erfolg“ und rund 6,5 Milliarden Social-Media-Impressions innerhalb einer Woche.

Doch aus diesem Erfolg lässt sich eine wesentlich größere Frage ableiten: Brauchen starke Uhrenmarken tatsächlich keine Testimonials?

Die Markenpraxis gibt darauf eine ziemlich klare Antwort.

Im letzten Teil unserer Serie rückt deshalb eine Seite von Omega in den Fokus, die in der technischen Erzählung der Marke oft weniger laut ist, für den weltweiten Erfolg aber entscheidend war: die Kraft prominenter Gesichter und kultureller Bilder.

DIE MONDLANDUNG IST EIN STAR, ABER NICHT DER EINZIGE

Hayeks Argumentation ist nachvollziehbar. Omega besitzt etwas, das sich nicht einkaufen lässt: echte Geschichte. Die Speedmaster war Teil der Raumfahrtgeschichte, die Marke ist seit Jahrzehnten mit den Olympischen Spielen verbunden und verfügt über technische Glaubwürdigkeit. Ein solches Fundament ist wertvoller als jeder kurzfristig eingekaufte Influencer.

Aber genau hier liegt der Unterschied zwischen Markensubstanz und Markenkommunikation.

Die Mondlandung gibt Omega Glaubwürdigkeit. Sie kann jedoch nicht allein erklären, warum eine historische Schweizer Uhrenmarke auch Jahrzehnte später für neue Kundengenerationen kulturell relevant bleibt.

Dafür braucht es Übersetzer. Und Omega hat diese Übersetzer sehr bewusst eingesetzt.

1995 begann nicht nur die bis heute bestehende Verbindung zwischen Omega und James Bond. In „GoldenEye“ trug Pierce Brosnan erstmals eine Omega Seamaster. Seither trägt James Bond in jedem Film eine Omega.

Im selben Jahr wurde Cindy Crawford Omegas erste offizielle Markenbotschafterin. Omega selbst bezeichnet sie heute als „very first ambassador“ der Marke. Fast drei Jahrzehnte lang wurde sie insbesondere mit der Constellation zu einem der bekanntesten Gesichter Omegas.

Das ist kein nebensächliches Marketingdetail. Das ist Markenführung.

WAS WÄRE OMEGA OHNE BOND UND CINDY CRAWFORD?

Natürlich wäre Omega auch ohne James Bond eine bedeutende Uhrenmarke. Die Mondlandung, Olympia, Uhrmacherei und die enorme historische Substanz verschwinden nicht, nur weil Pierce Brosnan keine Seamaster getragen hätte.

Die interessantere Frage lautet deshalb anders:

Wäre Omega heute dieselbe globale Luxusmarke, wenn es diese kulturellen Verstärker nicht gegeben hätte?

Daran darf zumindest gezweifelt werden.

James Bond machte die Seamaster zu einem Teil der Popkultur. Cindy Crawford gab Omega ab 1995 ein internationales Gesicht in Mode und Lifestyle. Nicole Kidman kam 2005 hinzu und gehört bis heute zu den langjährigsten Botschafterinnen der Marke. Omega selbst beschreibt sie ausdrücklich als eine seiner „longest-serving icons“.

Damit zeigt gerade Omega, warum Testimonials funktionieren können. Sie ersetzen die Geschichte einer Marke nicht. Sie transportieren sie.

Die Mondlandung kann niemand kaufen. Aber ein Konsument muss diese Geschichte erst kennen, emotional verstehen und mit einem heutigen Lebensgefühl verbinden. Prominente Persönlichkeiten schaffen genau diese Brücke.

Philipp Westermeyer stößt im Gespräch deshalb auf einen entscheidenden Punkt: Reichweite und Bekanntheit verkürzen den Weg zur Aufmerksamkeit. Eine Persönlichkeit, die bereits Millionen Menschen kennen, muss nicht erst aufgebaut werden. Ihre Bekanntheit kann auf eine Marke einzahlen.

Das funktioniert allerdings nur, wenn Produkt, Marke und Persönlichkeit zusammenpassen.

LONGINES ZEIGT DEN WIDERSPRUCH NOCH DEUTLICHER

Noch sichtbarer wird dieser Mechanismus bei Longines.

Wer heute die offizielle Markenwelt von Longines betrachtet, trifft dort nicht nur auf Uhren, Historie und das geflügelte Stundenglas. Die Marke präsentiert ein ganzes Netzwerk internationaler „Ambassadors of Elegance“.

Jennifer Lawrence gehört seit 2022 dazu. Kate Winslet begleitet Longines bereits seit vielen Jahren. Und im Februar 2025 holte die Marke Henry Cavill hinzu, der einem weltweiten Publikum unter anderem durch seine Rolle als Superman bekannt ist. Longines stellt diese Persönlichkeiten prominent in Kampagnen und verbindet sie unmittelbar mit einzelnen Kollektionen.

Gerade Jennifer Lawrence zeigt, wie konsequent dieser Ansatz verfolgt wird. Die Oscar-Preisträgerin steht aktuell für die PrimaLuna-Kommunikation. Kate Winslet wird unter anderem mit der Mini DolceVita verbunden. Henry Cavill präsentierte bereits die Spirit Zulu Time 1925 und 2026 die neue HydroConquest.

Was wären diese Kampagnen ohne ihre Protagonisten?

Die Uhren blieben dieselben. Aber Reichweite, Wiedererkennbarkeit und emotionale Anschlussfähigkeit wären andere.

Und genau darum geht es bei einem guten Testimonial.

Es soll einer schwachen Marke nicht künstlich Glaubwürdigkeit verleihen. Es soll einer starken Marke ein Gesicht geben.

NICHT NUR OMEGA UND LONGINES

Allerdings muss auch hier sauber differenziert werden. Die Swatch Group setzt Testimonials keineswegs ausschließlich bei Omega und Longines ein.

Auch Tissot führt eine umfangreiche Liste internationaler Ambassadors, darunter Sportler und Schauspieler. Rado arbeitet ebenfalls mit globalen Markenbotschaftern aus Film, Sport und Entertainment.

Damit wird der vermeintliche Gegensatz innerhalb der Swatch Group sogar noch interessanter.

Hayeks Skepsis gegenüber bezahlter Aufmerksamkeit, Gratisuhren und kurzfristigem Influencer-Marketing ist durchaus nachvollziehbar. Sie sollte aber nicht mit einer generellen Bedeutungslosigkeit prominenter Markenbotschafter verwechselt werden.

Ein Influencer, der für einen Post bezahlt wird, ist nicht dasselbe wie Cindy Crawford, die seit 1995 mit Omega verbunden ist.

Eine verschenkte Uhr an einen prominenten Gast ist nicht dasselbe wie eine jahrzehntelang aufgebaute Markenpartnerschaft.

Und James Bond ist wiederum ein völlig anderes Instrument: eine kulturelle Partnerschaft, die Produkt, Kinofigur und Marke seit 1995 miteinander verbindet.

Genau diese Unterschiede gehen verloren, wenn Testimonials pauschal als gekaufte Prominenz betrachtet werden.

AUCH ROLEX, TUDOR UND BREITLING VERZICHTEN NICHT DARAUF

Der Blick auf die Wettbewerber macht die Sache noch eindeutiger.

Rolex besitzt wahrscheinlich genügend Markenstärke, um keine prominenten Gesichter zu benötigen. Trotzdem baut das Unternehmen seit Jahrzehnten ein Netzwerk sogenannter Rolex Testimonees aus Sport, Kunst und Kultur auf. Die Marke widmet diesen Persönlichkeiten eigene Kommunikationswelten.

Tudor arbeitet prominent mit David Beckham und weiteren Persönlichkeiten und Sportlern.

Breitling nennt seine Markenbotschafter sogar ausdrücklich „Breitling Squad“. Aktuell gehören dazu unter anderem Austin Butler, Charlize Theron, Erling Haaland und Giannis Antetokounmpo.

Keines dieser Beispiele beweist, dass ein einzelnes Testimonial unmittelbar einen bestimmten Umsatzsprung verursacht. Markenwachstum ist dafür viel zu komplex.

Sie zeigen aber etwas anderes sehr deutlich: Die erfolgreichsten Uhrenmarken der Welt investieren weiterhin bewusst in Menschen, die ihre Markenwerte verkörpern und deren Reichweite vergrößern.

Warum sollten sie das tun, wenn Testimonials keine Wirkung hätten?

DAS PRODUKT IST DER STAR, DAS TESTIMONIAL DER VERSTÄRKER

Nick Hayek hat mit einem wesentlichen Punkt recht: Eine Marke darf nicht von einer prominenten Person abhängig werden. Der eigentliche Star muss das Produkt bleiben.

Omega besitzt die Mondlandung. Longines besitzt fast zwei Jahrhunderte Uhrengeschichte. Rolex besitzt eine außergewöhnliche Produkt- und Markenkontinuität. Diese Substanz kann kein Schauspieler und kein Sportler ersetzen.

Aber daraus folgt nicht, dass Testimonials überflüssig wären.

Im Gegenteil.

Die erfolgreichsten Beispiele zeigen, dass Substanz und prominente Kommunikation keine Gegensätze sind. Die Geschichte sorgt für Glaubwürdigkeit. Das Produkt sorgt für Qualität. Und das richtige Gesicht sorgt dafür, dass Millionen Menschen hinschauen.

Bei Omega heißt diese Gleichung Mondlandung und James Bond. Speedmaster und Cindy Crawford. Uhrmacherei und Nicole Kidman.

Bei Longines heißt sie Tradition und Jennifer Lawrence, Kate Winslet oder Henry Cavill.

Genau darin liegt die Stärke eines guten Testimonials: Es muss die Geschichte einer Marke nicht erfinden. Es muss dafür sorgen, dass diese Geschichte gesehen wird.

Für den Fachhandel ist das alles andere als nebensächlich. Denn am Ende steht im Schaufenster nicht nur eine Uhr. Dort steht ein Produkt, das der Kunde möglicherweise bereits aus einem Film, einer Kampagne, vom roten Teppich oder durch einen Sportler kennt. Diese Vorprägung schafft Gesprächsanlässe, Begehrlichkeit und Wiedererkennung.

Die stärkste Marke braucht kein Testimonial, um glaubwürdig zu sein. Aber selbst die stärkste Marke kann von einem Testimonial profitieren, um schneller relevant zu werden.

Und genau das beweisen ausgerechnet die Marken der Swatch Group selbst.

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