350 Milliarden Dollar Börsenwert verloren: Schmuck stärkt LVMH und Richemont

Die Krise der europäischen Luxusindustrie hat eine neue Dimension erreicht.© KI-generiert

Europas Luxusindustrie steht massiv unter Druck. Seit Jahresbeginn 2026 haben die zehn Unternehmen des STOXX Europe Luxury 10 rund 350 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren. Besonders die schwache Nachfrage in China belastet die Branche. Doch aktuelle Geschäftszahlen von LVMH und Richemont zeigen: Schmuck entwickelt sich deutlich besser als viele andere Luxussegmente. Für den Fachhandel stellt sich damit eine entscheidende Frage: Wer profitiert von diesem Wachstum?



Die Krise der europäischen Luxusindustrie hat eine neue Dimension erreicht. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am 13. Oktober berichtet, haben die Unternehmen des STOXX Europe Luxury 10 seit Jahresbeginn zusammen rund 350 Milliarden US-Dollar an Börsenwert eingebüßt. Besonders stark unter Druck steht LVMH. Die Aktie des französischen Luxuskonzerns verlor im bisherigen Jahresverlauf mehr als 40 Prozent. Auch Hermès und Kering sind von der schwachen Branchenentwicklung betroffen. Richemont zeigt sich dagegen vergleichsweise widerstandsfähig.

Die Börsenverluste sind allerdings nicht mit Umsatz- oder Gewinneinbußen gleichzusetzen. Sie zeigen vielmehr, wie stark Investoren ihre Erwartungen an das künftige Wachstum der Luxusindustrie zurückgenommen haben.

CHINA BELASTET DEN LUXUSMARKT

Ein zentraler Grund für die Krise liegt in China. Der Markt war über Jahre einer der wichtigsten Wachstumstreiber internationaler Luxuskonzerne. Inzwischen sorgen die schwierige wirtschaftliche Lage und eine zurückhaltendere Konsumstimmung für Unsicherheit.

Hinzu kommen verschärfte steuerliche Kontrollen bei vermögenden chinesischen Verbrauchern. Reuters berichtete am 9. Oktober über zusätzliche Belastungen für den Luxuskonsum. Auch in den USA zeigen sich Zeichen einer schwächeren Nachfrage.

Besonders deutlich wird die Entwicklung bei LVMH. Im dritten Quartal 2026 gingen die organischen Umsätze der Sparte Mode und Lederwaren, zu der Louis Vuitton und Dior gehören, um fünf Prozent zurück. Konzernweit gelang lediglich ein organisches Wachstum von einem Prozent.

SCHMUCK WÄCHST TROTZ KRISE

Während Mode und Lederwaren schwächeln, liefert die Schmuck- und Uhrensparte von LVMH ein anderes Bild. In den ersten neun Monaten 2026 erzielte sie einen Umsatz von 7,725 Milliarden Euro. Das entspricht einem organischen Wachstum von acht Prozent. Allein im dritten Quartal legte der Bereich organisch um sechs Prozent zu.

LVMH führt diese Entwicklung insbesondere auf die gute Geschäftsentwicklung im Schmuckbereich zurück. Zu den wichtigsten Marken zählen Tiffany & Co., Bulgari und Chaumet. Auch TAG Heuer gehört zur Sparte, wobei der Konzern keine gesonderten Wachstumszahlen für das Uhrengeschäft veröffentlicht.

Die Zahlen verdeutlichen, dass sich die einzelnen Luxussegmente trotz eines schwierigen Marktumfelds unterschiedlich entwickeln. Für die Schmuckbranche ist das ein wichtiges Signal. Hochwertiger Schmuck behauptet sich innerhalb der untersuchten Konzerne derzeit besser als klassische Mode- und Lederwaren.

Schmuck und Uhren halten LVMH auf Kurs. © KI generiert

RICHEMONT ZEIGT DIE UNTERSCHIEDE

Noch deutlicher wird die Entwicklung bei Richemont. Der Schweizer Luxuskonzern, zu dem unter anderem Cartier, Van Cleef & Arpels, Buccellati und Vhernier gehören, meldete für das erste Quartal seines Geschäftsjahres 2026/27, von April bis Juni 2026, ein organisches Umsatzwachstum der Schmuckhäuser von 24 Prozent.

Die Schmuckhäuser erzielten in diesem Zeitraum zusammen 4,732 Milliarden Euro Umsatz. Die spezialisierten Uhrenhersteller des Konzerns, darunter IWC, Jaeger-LeCoultre und Panerai, erreichten 873 Millionen Euro und ein Wachstum von acht Prozent bei konstanten Wechselkursen.

Damit wuchsen beide Geschäftsfelder, allerdings mit deutlichen Unterschieden. Die Entwicklung spricht für die wirtschaftliche Stärke der Schmuckhäuser. Gleichzeitig zeigt das positive Wachstum der Uhrenspezialisten, dass der Uhrenmarkt nicht pauschal als Verlierer der Luxuskrise betrachtet werden kann.

Auch regional fällt das Bild differenzierter aus. Richemont verzeichnete im selben Quartal ein Wachstum von 36 Prozent in Japan, 27 Prozent auf dem amerikanischen Kontinent und 21 Prozent im asiatisch-pazifischen Raum, jeweils bei konstanten Wechselkursen.

DER EIGENE HANDEL WÄCHST SCHNELLER

Für den unabhängigen Fachhandel ist allerdings nicht nur entscheidend, welche Produktgruppen wachsen. Ebenso wichtig ist die Frage, über welche Vertriebskanäle die Konzerne ihre Umsätze erzielen.

Bei Richemont entfielen im Quartal von April bis Juni 2026 rund 71 Prozent des Gesamtumsatzes auf den eigenen stationären Einzelhandel. Dieser wuchs bei konstanten Wechselkursen um 24 Prozent. Der Großhandel einschließlich Lizenzeinnahmen legte dagegen um neun Prozent zu.

Damit zeigt sich, wie bedeutend die eigenen Boutiquen für das Geschäft der großen Luxusgruppen sind. Die Entwicklung bedeutet allerdings nicht, dass unabhängige Juweliere grundsätzlich Umsatz verlieren. Auch der Großhandel wuchs. Die Zahlen lassen jedoch erkennen, dass die Hersteller über ihre eigenen Verkaufskanäle einen erheblichen Teil der Wertschöpfung kontrollieren.

WAS BEDEUTET DAS FÜR JUWELIERE?

Die aktuellen Unternehmenszahlen zeigen, dass eine Krise der Luxusindustrie nicht zwangsläufig eine Krise sämtlicher Schmuck- und Uhrenhersteller bedeutet. Während manche Geschäftsfelder unter rückläufiger Nachfrage leiden, verzeichnen andere weiterhin deutliches Wachstum.

Für den Fachhandel ergibt sich daraus vor allem eine strategische Frage: Welche Marken bieten langfristig attraktive Perspektiven und welche Rolle spielt der unabhängige Juwelier in deren Vertriebsstrategie?

Steigende Umsätze eines Luxuskonzerns garantieren noch keinen entsprechenden Geschäftserfolg seiner externen Handelspartner. Entscheidend bleiben die Verfügbarkeit attraktiver Sortimente, die Zusammenarbeit mit Herstellern und die Möglichkeit, Kunden über Beratung und Service dauerhaft an das eigene Geschäft zu binden.

Die aktuellen Zahlen von LVMH und Richemont machen deutlich, dass Schmuck innerhalb der Luxusindustrie eine bemerkenswerte wirtschaftliche Stärke zeigt. Ob und in welchem Umfang unabhängige Juweliere davon profitieren, hängt jedoch auch von der Vertriebspolitik der Hersteller ab.

Die Krise der europäischen Luxusindustrie ist damit mehr als eine Börsengeschichte. Sie wirft eine grundsätzliche Frage für die Uhren- und Schmuckbranche auf: Wenn Schmuck wächst, wer verdient künftig daran?

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