Das neue Prada-Flagship-Store in Mailand. © Wikimedia: Stefan Bauer
5.000 Quadratmeter, acht Ebenen und weit mehr als Verkaufsfläche: Prada baut seine historische Adresse in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II zu einer umfassenden Luxusdestination aus. Das Projekt zeigt eine Entwicklung, die auch für Juweliere relevant ist: Im hochwertigen Handel wird nicht mehr nur das Produkt zum Differenzierungsfaktor, sondern das gesamte Erlebnis rund um Beratung, Marke und Kundenbeziehung.
Prada denkt seinen historischen Standort in Mailand neu. Bereits 1913 eröffnete Mario Prada das erste Geschäft der Marke in der Galleria Vittorio Emanuele II. Mehr als ein Jahrhundert später verbindet die italienische Luxusgruppe dort klassischen Retail mit Markenhistorie, Kunst, Gastronomie und Hospitality.
Der neue Komplex erstreckt sich über rund 5.000 Quadratmeter und acht Ebenen. Die bislang getrennten Bereiche für Damen und Herren werden miteinander verbunden. Hinzu kommen unter anderem die Pasticceria Marchesi 1824, Ausstellungsflächen, Bereiche der Fondazione Prada, private Salons sowie ein Apartment für Veranstaltungen und ausgewählte Kunden.
Damit entwickelt Prada das klassische Flagship-Konzept deutlich weiter. Aus dem Standort wird ein Ort, an dem Kunden nicht nur einkaufen, sondern mehr Zeit mit der Marke verbringen sollen.
DER STORE WIRD ZUM BEZIEHUNGSRAUM
Hinter dem Konzept steht eine Entwicklung, die den gesamten Premium- und Luxushandel betrifft. Hochwertige Produkte allein reichen zunehmend weniger aus, um stationäre Standorte zu differenzieren. Gleichzeitig lassen sich Sortiment, Preise und Markeninformationen online jederzeit vergleichen.
Der stationäre Handel muss deshalb dort Mehrwert schaffen, wo digitale Plattformen an Grenzen stoßen: bei persönlicher Beratung, Vertrauen, Service, emotionaler Inszenierung und individuellen Erlebnissen.
Prada setzt dabei besonders stark auf die Beziehung zu seinen wichtigsten Kunden. CEO Andrea Guerra erklärte gegenüber Reuters, dass der erlebnisorientierte Teil des Stores und die Räume für persönliche Kundenbetreuung an Bedeutung gewonnen hätten. Vergleichbare private Apartments sollen nach seinen Angaben künftig auch in weiteren internationalen Metropolen entstehen.
Für den Schmuck- und Uhrenfachhandel ist dieser Ansatz bemerkenswert. Denn gerade bei hochwertigen Uhren, Schmuck, Trauringen oder individuellen Anfertigungen entsteht Kundenbindung häufig nicht allein über das Produkt, sondern über Beratung und persönlichen Service.

WAS JUWELIERE DARAUS ABLEITEN KÖNNEN
Natürlich lassen sich 5.000 Quadratmeter Prada nicht auf einen inhabergeführten Juwelier übertragen. Das Prinzip dahinter funktioniert jedoch unabhängig von der Verkaufsfläche.
Die entscheidende Frage lautet: Was passiert im Geschäft außer dem eigentlichen Verkauf?
Ein Beratungstermin für Trauringe, die Vorstellung einer neuen Uhrenkollektion, eine Schmuckberatung, ein Bewertungs- oder Servicetermin, ein kleiner Kundenevent oder ein persönlicher Termin außerhalb der üblichen Öffnungszeiten können denselben strategischen Ansatz verfolgen: Der Standort wird vom reinen Point of Sale zum Ort einer langfristigen Kundenbeziehung.
Gerade kleinere Fachhändler können dabei sogar Vorteile haben. Persönliche Nähe, Kenntnis der Stammkunden und individuelle Betreuung gehören traditionell zu ihren Stärken. Diese Fähigkeiten lassen sich gezielter als Bestandteil des Geschäftsmodells positionieren.

MEHR ZEIT MIT DEM KUNDEN
Für den Fachhandel steckt darin auch eine wirtschaftliche Logik. Wer Kunden nur für eine konkrete Transaktion erreicht, hat wenige Kontaktpunkte. Wer dagegen zusätzliche Anlässe schafft, erhöht die Zahl der Begegnungen mit dem Geschäft.
Service, Werkstatt, Events, Beratung und persönliche Termine werden damit nicht zu Nebenthemen des Verkaufs, sondern zu Instrumenten der Kundenbindung.
Prada verfolgt dieses Prinzip im größtmöglichen Maßstab. Für den neu gestalteten Standort wird nach vollständiger Inbetriebnahme ein Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro angestrebt.
Die Gruppe investiert zugleich stark in ihr Retailnetz sowie in Produktion und Technologie. Für 2025 meldete die Prada Group Nettoumsätze von 5,718 Milliarden Euro und Investitionen von 535 Millionen Euro, Immobilieninvestitionen nicht eingerechnet.
Auch die Übernahme von Versace wurde am 2. Dezember 2025 abgeschlossen und steht für den strategischen Ausbau des Markenportfolios der Gruppe.
LUXUS BRAUCHT EINEN PHYSISCHEN MEHRWERT
Die größere Botschaft des Mailänder Projekts reicht deshalb über Prada hinaus.
Je einfacher Produkte digital recherchierbar und vergleichbar werden, desto klarer muss beantwortet werden, warum Kunden einen stationären Standort besuchen sollen.
Für Juweliere lautet die Antwort nicht zwingend: größer, luxuriöser oder spektakulärer.
Sie kann auch heißen: persönlicher, kompetenter, verbindlicher und serviceorientierter.
Genau darin liegt eine zentrale Chance des stationären Schmuck- und Uhrenfachhandels. Der Laden der Zukunft muss nicht mehr Verkaufsfläche bieten. Er muss mehr Gründe bieten, ihn zu besuchen.














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