Was darf der Juwelier stechen?

Ein Kunde sieht zunächst nur den gewünschten Look.

Piercing eröffnet dem Fachhandel ein attraktives Geschäftsfeld. Doch mit dem Angebot wächst auch die Verantwortung. Nicht jede gewünschte Position am Ohr lässt sich mit demselben Verfahren behandeln. Entscheidend sind das eingesetzte System, die absolvierte Schulung und die jeweilige Körperstelle. Für Juweliere gilt deshalb eine einfache Regel: Professionell ist nicht, möglichst viel zu stechen, sondern genau zu wissen, was man sicher anbieten kann – und wo die eigene Leistung endet.


NICHT JEDE POSITION IST GLEICH

Das Ohr besteht aus unterschiedlichen Gewebebereichen. Das klassische Ohrläppchen stellt andere Anforderungen als Positionen im Knorpel. Entsprechend unterscheiden sich auch die Verfahren, mit denen gearbeitet werden kann.

Ein Kunde sieht zunächst nur den gewünschten Look. Für den Fachhändler beginnt die Beratung jedoch einen Schritt früher: Wo soll das Schmuckstück sitzen? Ist diese Position mit dem vorhandenen Stechsystem vorgesehen? Ist das Personal dafür geschult? Und welcher Erstschmuck eignet sich?

Diese Fragen müssen geklärt sein, bevor eine Position markiert wird. Denn ein professioneller Piercing-Service bedeutet auch, Wünsche ablehnen oder an entsprechend ausgebildete Spezialisten weitergeben zu können.

Nicht jede Position am Ohr gehört automatisch zum Leistungsumfang eines Juweliers.

WAS DAS STUDEX SYSTEM 75 ABDECKT

STUDEX nennt für sein System 75 klar definierte Einsatzbereiche. Das Stechsystem ist für das Ohrläppchen sowie den oberen flachen Knorpelbereich des Ohrs vorgesehen.

Der Ablauf erfolgt dabei kontrolliert und manuell. Ohrstecker und Verschluss befinden sich in einer sterilen Einwegkartusche. Vor dem Stechen wird die gewünschte Position markiert und gemeinsam mit der Kundin überprüft. Erst danach erfolgt der eigentliche Vorgang.

Für einen entsprechend geschulten Juwelier entsteht damit ein klar umrissener Leistungsbereich. Er kann die vorgesehenen Positionen professionell anbieten, ohne daraus automatisch den Anspruch abzuleiten, jede denkbare Piercingposition am Ohr abzudecken.

Genau diese Abgrenzung stärkt die Glaubwürdigkeit

WANN DIE HOHLNADEL INS SPIEL KOMMT

Für Positionen, die nicht für ein Stechsystem vorgesehen sind, bleibt das Piercing mit einer sterilen Hohlnadel relevant. Dabei wird zunächst der Stichkanal angelegt und anschließend der geeignete Schmuck eingesetzt.

Dieses Verfahren bietet größere Flexibilität und wird insbesondere dort eingesetzt, wo ein Stechsystem nicht vorgesehen ist. Voraussetzung ist jedoch auch hier eine entsprechende Ausbildung und praktische Kompetenz.

Für den Juwelier heißt das nicht, dass er zwangsläufig beide Methoden selbst anbieten muss. Ein Fachgeschäft kann sich bewusst auf jene Bereiche konzentrieren, für die seine Mitarbeiter geschult sind. Für darüber hinausgehende Wünsche kann die Zusammenarbeit mit einem professionell ausgebildeten Piercer sinnvoll sein.

So bleibt die Kundin im Kompetenzumfeld des Fachgeschäfts, ohne dass Leistungen angeboten werden, für die Ausbildung oder Verfahren fehlen.

DIE GRENZE IST TEIL DER KOMPETENZ

Gerade beim Aufbau eines Piercingangebots entsteht schnell der Wunsch, möglichst viele Positionen abzudecken. Wirtschaftlich ist das nachvollziehbar, fachlich jedoch nicht der richtige Ansatz.

Die Stärke des Juweliers liegt nicht darin, jede Piercingart selbst durchzuführen. Sie liegt darin, Beratung, Materialkompetenz, Schmuckauswahl und einen professionellen Ablauf miteinander zu verbinden.

Wer klar erklärt, welche Positionen im eigenen Haus angeboten werden und welche nicht, schafft Vertrauen. Eine Kundin verliert nicht das Vertrauen, weil ein Juwelier eine Leistung nicht durchführt. Sie verliert es eher dann, wenn Unsicherheit entsteht oder Grenzen nicht offen kommuniziert werden.

Deshalb sollte bereits die interne Leistungsbeschreibung eindeutig sein: Welche Mitarbeiter sind geschult? Mit welchem System wird gearbeitet? Welche Positionen umfasst diese Schulung? Und für welche Anfragen wird an einen entsprechend qualifizierten Piercer verwiesen?

DER LOOK KANN TROTZDEM BEIM JUWELIER ENTSTEHEN

Auch wenn nicht jede Position im eigenen Haus gestochen wird, muss der Juwelier das Schmuckgeschäft nicht abgeben.

Denn der eigentliche Mehrwert beginnt häufig nach dem Stechen. Welche Schmuckstücke harmonieren miteinander? Wie entwickelt sich ein Ear Stack? Welche Größen, Goldtöne oder Diamantakzente passen zu bereits vorhandenen Positionen?

Hier besitzt der Fachhandel seine stärkste Kompetenz.

Ein professionelles Piercingkonzept kann deshalb auch aus einer klaren Arbeitsteilung bestehen: definierte Positionen selbst stechen, bei anderen Positionen mit Spezialisten zusammenarbeiten und die Kundin anschließend bei Schmuckwechsel und Aufbau ihres Looks begleiten.

So bleibt der Juwelier Ansprechpartner für das gesamte Ohr, ohne fachliche Grenzen zu überschreiten.

AUCH DIE KOMMUNIKATION MUSS KLAR SEIN

Website, Social Media und Schaufenster sollten nicht pauschal versprechen: „Wir stechen jedes Piercing.“

Besser ist eine präzise Beschreibung des Angebots. Der Kunde sollte bereits vor dem Termin erkennen können, welche Leistungen der Juwelier selbst durchführt und welche Methode dabei verwendet wird.

Diese Klarheit verhindert falsche Erwartungen und stärkt zugleich die Positionierung. Denn ein Fachhändler, der seine Möglichkeiten und Grenzen kennt, wirkt professioneller als ein Anbieter, der alles verspricht.

Piercingkompetenz bedeutet deshalb nicht grenzenloses Stechen. Sie bedeutet geschultes Arbeiten innerhalb klar definierter Bereiche – ergänzt durch hochwertige Schmuckberatung und gegebenenfalls ein Netzwerk spezialisierter Partner.

DIE ESSENZ FÜR DEN FACHHANDEL

Nicht jede Position am Ohr gehört automatisch zum Leistungsumfang eines Juweliers. Entscheidend sind Schulung, eingesetztes Verfahren und der dafür vorgesehene Bereich. Das STUDEX System 75 ist laut Hersteller für Ohrläppchen und den oberen flachen Knorpelbereich vorgesehen. Für darüber hinausgehende Positionen kann ein entsprechend ausgebildeter Piercer notwendig sein. Wer diese Grenzen kennt und offen kommuniziert, beweist nicht weniger, sondern mehr Kompetenz.

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