Warum Innenstädte ihre Alltäglichkeit verlieren

Studie Innenstadt Handel Deutschland

Die Innenstadt wird seltener spontan besucht. Für den Fachhandel verschieben sich damit die Frequenzmuster spürbar. © Freepik

Eine aktuelle Studie zeigt einen strukturellen Wandel im Besuchsverhalten deutscher Innenstädte. Für Juweliere und Fachhändler bedeutet das: weniger spontane Frequenz, höhere Einzelbons und neue Anforderungen an Beratung, Komfort und Aufenthaltsqualität.



Vom Alltagsbesuch zum geplanten Einkauf

Die Innenstädte verlieren ihre frühere Selbstverständlichkeit. Laut einer Untersuchung von Prof. Dr. Nils Andres besuchten vor 2020 noch 72 Prozent der Befragten mindestens dreimal pro Woche die City. Heute sind es nur noch 41 Prozent. Grundlage sind 1.432 Interviews in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und München.

Der zentrale Befund für den Fachhandel: Der Frequenzrückgang ist kein temporärer Effekt, sondern Ausdruck eines strukturellen Wandels. Innenstadtbesuche erfolgen zunehmend geplant und anlassbezogen. Spontankäufe werden seltener. Für stationäre Juweliere verändert das die klassische Frequenzlogik fundamental.

Remote Work verändert Kaufrhythmen

Ein wesentlicher Treiber ist die veränderte Arbeitswelt. Vollzeit Remote Worker besuchen Innenstädte durchschnittlich nur 1,4 Mal pro Monat ohne konkreten Anlass. Bei Hybrid Beschäftigten sind es 3,1 Besuche, bei Präsenzarbeitern 4,7. Der frühere Arbeitsweg fungierte als psychologischer Aktivator für spontane Einkäufe. Fällt dieses Ritual weg, muss der Besuch bewusst geplant werden. Genau diese zusätzliche Entscheidungshürde reduziert die Besuchsfrequenz. Auch wenn Homeoffice gegenüber der Pandemiephase zurückgegangen ist, bleibt Remote Work etabliert und verändert dauerhaft die Kundenströme.

Komfort wird zur neuen Kaufbarriere

Die Studie zeigt zudem eine sinkende Toleranz gegenüber Reibungsverlusten. Parkplatzsuche, Wartezeiten oder Orientierungsschwierigkeiten werden heute deutlich kritischer bewertet. 48 Prozent der Befragten nennen solche Nervfaktoren explizit. Entscheidend ist jedoch die psychologische Verschiebung: Diese Hürden gab es auch früher, wurden aber akzeptiert, weil man ohnehin unterwegs war. Heute muss sich jeder Innenstadtbesuch „lohnen“.

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Aufenthaltsqualität und Third Place Dichte entscheiden zunehmend über Verweildauer und Kaufwahrscheinlichkeit. © Freepik

Höhere Bons, aber weniger Besuche

Besonders relevant für Juweliere ist die Veränderung im Kaufverhalten. Episodische Besucher geben pro Einkauf im Schnitt 146 Euro aus, kontinuierliche Besucher nur 82 Euro. Gleichzeitig sinkt jedoch der Monatsumsatz: episodische Käufer 292 Euro, kontinuierliche Käufer 398 Euro.

Die Konsequenz ist betriebswirtschaftlich eindeutig. Einzelbons steigen, die Anzahl der Transaktionen sinkt. Planungssicherheit nimmt ab, Impulskäufe gehen zurück. Dieses Muster betrifft nicht nur Innenstädte, sondern ebenso Shopping Center, Fachmarktzentren und Quartierslagen.

Third Places verlängern Aufenthaltsdauer

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die sogenannte Third Place Dichte, also das Angebot an niedrigschwelligen Aufenthaltsorten wie Cafés, Parks oder Bibliotheken. In Städten mit hoher Third Place Dichte liegt die durchschnittliche Verweildauer bei 118 Minuten, in schwächeren Lagen bei nur 86 Minuten. Für Händler ist dieser Zusammenhang entscheidend, da Aufenthaltsdauer direkt mit Kaufwahrscheinlichkeit korreliert. Die Studie macht deutlich: Wer Frequenz steigern will, muss über die eigene Verkaufsfläche hinaus denken.

Quartiere gewinnen an Bedeutung

Parallel verlagert sich Kundenbindung zunehmend in gut versorgte Stadtteile. Quartiere mit starker Nahversorgung reduzieren Innenstadtbesuche um 22 Prozent. Gewinner sind lebendige Szeneviertel mit hoher Aufenthaltsqualität. Verlierer sind schwächer entwickelte Lagen ohne entsprechende Infrastruktur. Konkret heißt das: Gewinner sind etablierte Viertel wie Hamburg Ottensen, München Glockenbach oder Köln Ehrenfeld. Nicht jede Lage verliert also gleich stark. Mikrostandorte gewinnen an Bedeutung.

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Parkplatzsuche bleibt ein relevanter Frequenzfaktor. Entscheidend ist jedoch die gesunkene Toleranz der Kunden gegenüber Aufwand und Friktion beim Innenstadtbesuch. © Shutterstock

Realitäts-Check für den Fachhandel

Die Untersuchung liefert klare operative Hinweise für den stationären Handel. ⊕ Barrieren konsequent reduzieren. Wegführung, Terminverfügbarkeit, Wartezeiten und Erreichbarkeit werden zum Wettbewerbsfaktor. ⊕ Aufenthaltsqualität erhöhen. Sitzmöglichkeiten, Serviceangebote oder Kooperationen im Umfeld verlängern die Verweildauer und erhöhen die Abschlusswahrscheinlichkeit. ⊕ Zeitlogik anpassen. Samstag gewinnt weiter an Bedeutung, während klassische Wochentage an Frequenz verlieren. Aktionsplanung und Personaleinsatz sollten diesem episodischen Besuchsverhalten folgen.

Differenzierungsfaktoren zur Studie

Die Untersuchung von Prof. Dr. Nils Andres basiert auf einer Befragung von 1.432 Personen in den vier wirtschaftsstarken Metropolen Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und München. Die Ergebnisse zeigen über alle Standorte hinweg ein ähnliches Muster, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen in Aufenthaltsdauer und Third Place Dichte. Besonders München und Hamburg weisen laut Studie eine höhere Aufenthaltsqualität im urbanen Umfeld auf, während Frankfurt und Düsseldorf stärker von verkürzten Besuchszeiten geprägt sind. Für den Fachhandel ist diese Differenzierung relevant, da sie zeigt, dass Frequenzrückgänge zwar strukturell auftreten, ihre konkrete Auswirkung jedoch stark vom jeweiligen Stadtökosystem abhängt.

Quelle: Prof. Dr. Nils Andres, Befragung von 1.432 Personen in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und München, August 2025. Auswertung zu Besuchsfrequenz, Episodisierung und Kaufverhalten im urbanen Einzelhandel.

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